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9. März 2026 | von Prof. Dr. mult. Victor Tiberius

Diagrammieren, Selbst-Scoring und Musterlösung

Viele Weiterbildungsformate scheitern nicht an der inhaltlichen Qualität, sondern an einem stillen Problem der Selbststeuerung: Lernende können nach dem Lesen oder Bearbeiten einer Lerneinheit oft nur schlecht einschätzen, ob sie den Stoff wirklich verstanden haben. Für wirksames, selbstreguliertes Lernen braucht es aber genau diese metakognitive Präzision. Eine naheliegende Intervention ist eine generative Aufgabe wie das Erstellen eines Kausal-Diagramms, also die Kernaussagen eines Textes als Ursache-Wirkungs-Kette in Kästchen und Pfeilen zu strukturieren. Das zwingt dazu, Verständnis sichtbar zu machen und liefert bessere Hinweise als ein bloßes „fühlt sich vertraut an“.

Eine Studie von Braumann und Kolleginnen untersuchte, ob man diesen Effekt noch steigern kann, wenn Lernende nach dem Diagrammieren zusätzlich eine korrekte Musterlösung erhalten und dann ausdrücklich aufgefordert werden, ihr eigenes Diagramm anhand der Musterlösung zu bewerten. Getestet wurde das in zwei Experimenten mit Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe, einmal in einem verzögerten Design (Experiment 1, N = 98) und einmal in einem unmittelbaren Design, bei dem das Diagramm direkt nach jedem Text erstellt wurde (Experiment 2, N = 177). In der „Self-Scoring“-Bedingung sollten die Lernenden beim Vergleich mit der Musterlösung jedes Feld als korrekt, falsch oder leer markieren, und zwar nur in der ersten Phase, um zu prüfen, ob sich der Effekt auch ohne weitere Aufforderung fortsetzt.

Das zentrale Ergebnis ist für die Praxis wertvoll, weil es Komplexität reduziert: Die expliziten Self-Scoring-Anweisungen verbesserten weder die metakognitive Genauigkeit noch das Textverständnis gegenüber der Variante, in der Lernende nach dem Diagrammieren lediglich eine korrekte Musterlösung erhielten. Anders gesagt: Der zusätzliche Bepunktungsschritt brachte keinen messbaren Zusatznutzen. Gleichzeitig zeigt die Arbeit, wo der robuste Mehrwert liegt. Wenn Diagrammieren unmittelbar nach dem Lesen stattfindet und anschließend eine korrekte Musterlösung bereitsteht, verbessert sich das Textverständnis gegenüber einer Variante ohne Musterlösung.

Quelle:
Braumann, S., van Wermeskerken, M., van de Pol, J., Pijeira-Díaz, H. J., de Bruin, A. B. H., & van Gog, T. (2024). Causal diagramming to improve students’ monitoring accuracy and text comprehension: Effects of diagram standards and self-scoring instructions. Applied Cognitive Psychology, 38(1), e4170. doi:10.1002/acp.4170

Prof. Dr. mult. Victor Tiberius
Victor Tiberius ist Geschäftsführender Co-Direktor der Deutschen Akademie für Management. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik und absolvierte darüber hinaus ein Aufbaustudium in Entrepreneurship und Innovationsmanagement (MBA) sowie diverse Executive Education-Programme - etwa an der Columbia Business School, der London School of Economics and Political Sciences, dem INSEAD, der Saïd Business School an der University of Oxford und der Sloan School of Management am MIT. Er wurde in Wirtschaftswissenschaften, Philosophie sowie Pädagogik promoviert. Zudem wurde ihm die Ehrendoktorwürde von der Universität Galati verliehen. Neben seiner Tätigkeit an der DAM lehrt und forscht er als Honorarprofessor für Strategie und Entrepreneurship an der Universität Potsdam und war zudem drei Jahre lang Lehrbeauftragter an der ESCP Europe. Seine Forschungsergebnisse wurden in zahlreichen angesehenen wissenschaftlichen Journals veröffentlicht. Er ist im Ranking "World’s Top 2% Scientists" für 2023 bis 2025 gelistet. Zudem wird er im AD Scientific Index 2024 unter den Top 20 der Strategieforscher in Deutschland geführt. Tiberius war zudem zehn Jahre lang als Handelsrichter am Landgericht Berlin sowie fünf Jahre lang als ehrenamtlicher Richter am Finanzgericht Berlin-Brandenburg tätig.
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